Hardanger-Stickerei: Durchbrucharbeiten für Fortgeschrittene
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Hardanger braucht 28er Stoff mit 8 Faeden pro Zentimeter, Perlgarn Staerke 5 und 8 sowie zwei verschiedene Nadeln, sonst sehen die Durchbrueche nicht wie auf dem Original-Vorbild aus Norwegen aus. Diese Stickart wirkt aus drei Schritten Meter weit kompliziert, ist aber durch klare Geometrie deutlich systematischer als freie Stickerei. Wer Kreuzstich kann und sauber zaehlt, schafft den Einstieg an einem Wochenende.
Was Hardanger von anderen Stickarten unterscheidet
Hardanger ist Zahlstickerei mit Schnitt. Du arbeitest auf einem regelmaessigen Aida- oder Leinen-Stoff, stickst zunaechst Bloecke aus parallelen Stichen (sogenannte Kloesterbloecke) und schneidest dann Faeden aus dem Stoff heraus. Die uebrigen Faeden werden umstickt, verflochten oder mit Spinnen versehen. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Stickerei und Spitze.
Die Herkunft liegt im westnorwegischen Hardanger-Fjord. Dort wurde die Technik im 17. Jahrhundert auf Trachten und Tischwaesche populaer. Heute wird sie weltweit gestickt, aber die Grundregeln sind gleich geblieben.
Zwei Punkte machen Hardanger fuer Fortgeschrittene interessant. Erstens: Du brauchst Geduld beim Schneiden, denn ein falsch durchtrennter Faden ruiniert ein Stundenwerk. Zweitens: Die Optik ist hochwertig, sodass selbst kleine Stuecke wie ein Anhaenger oder Lesezeichen edel wirken.
Material: Stoff, Garn und Nadeln richtig waehlen
Die Stoffwahl entscheidet ueber das gesamte Projekt. Klassisch ist Hardanger-Stoff mit 22 Faeden pro Zoll, also rund 8,7 Faeden pro Zentimeter. Anfaenger in Hardanger nehmen oft 28er Leinen, weil die Bloecke groesser ausfallen und das Schneiden leichter ist. Sehr feine Arbeiten gehen erst ab 36er Stoff.
Beim Garn arbeitest du mit zwei Staerken parallel. Perlgarn Staerke 5 fuer die Kloesterbloecke, Staerke 8 fuer Umrandungen, Pikots und Stege. Perlgarn ist nicht teilbar, glaenzt leicht und liegt fest auf dem Stoff. Stickgarn aus dem Discounter ist ungeeignet, weil es flusst.
Werkzeuge und Vorbereitung
Drei Werkzeuge sind Pflicht: eine stumpfe Sticknadel Groesse 24 oder 26, eine kurze und sehr spitze Stickschere mit gebogenem Blatt sowie ein Stickrahmen mit 15 oder 20 Zentimeter Durchmesser. Die Schere ist nicht optional. Mit einer Haushaltsschere zerstoerst du den Stoff schon beim ersten Schnitt.
| Material | Empfehlung | Preis-Bereich |
|---|---|---|
| Hardanger-Stoff 22ct, 50x50 cm | Zweigart Oslo | 9 bis 14 Euro |
| Perlgarn Staerke 5 (8 m) | DMC oder Anchor | 1,80 bis 2,40 Euro |
| Perlgarn Staerke 8 (10 m) | DMC oder Anchor | 1,60 bis 2,20 Euro |
| Stickschere mit gebogenem Blatt | Premax oder Kai | 14 bis 28 Euro |
| Sticknadeln Tapestry 24/26 | Bohin oder John James | 3 bis 5 Euro |
Wasche den Stoff vor dem Sticken bei 30 Grad, ohne Weichspueler. So entfernst du die Appretur, und der Stoff laeuft nicht erst hinterher ein, wenn die Arbeit fertig gerahmt ist.
Kloesterbloecke: Das Fundament jeder Arbeit
Ein Kloesterblock besteht aus fuenf parallelen, dichten Stichen ueber vier Stoffaeden. Du arbeitest mit Perlgarn 5 und stickst die Bloecke immer rechtwinklig zueinander an. Das Quadrat aus vier Bloecken bildet spaeter das Schneidefenster. Die Regel: Vor jedem Schnitt muessen alle vier Seiten umrandet sein. Sonst zieht sich der Faden raus.
Stickrichtung: Du beginnst rechts, gehst nach links, zaehlst immer vier Faeden. Der erste Block ist horizontal, der zweite vertikal daneben angesetzt. Zwischen zwei Bloecken bleibt der Stoff frei. Wer hier sauber zaehlt, spart spaeter Stunden an Korrekturen.
Schneiden: Der gefuerchtete Schritt
Vier Faeden im Quadrat werden weggeschnitten. Das klingt brutal, ist aber bei korrekt gesetzten Bloecken sicher. Setze die Schere flach an, mit dem gebogenen Blatt nach oben, und schneide jeden Faden einzeln direkt an der Innenkante des Blocks ab. Niemals mehrere Faeden auf einmal durchtrennen.
Ziehe die geschnittenen Faden-Stueckchen mit einer Pinzette heraus. Zurueck bleibt ein Gitter aus stehengebliebenen Faeden. Diese werden im naechsten Schritt mit Perlgarn 8 umwickelt oder zu Spinnen verbunden. So entsteht das typische Durchbruchsmuster, das wie Spitze wirkt.
Wenn doch mal ein Block-Stich aufgeht: keine Panik. Mit einer Stopfnadel und neuem Garn von hinten nacharbeiten. Vorher den Schnitt bitte nicht erweitern.
Stege, Pikots und Spinnen: Die Verzierung
Wenn das Fenster offen ist, kommt der schoene Teil. Du umwickelst die stehengebliebenen Stoff-Faeden mit Perlgarn 8 in Achterschlaufen, das nennt sich Stegstickerei. Vier umwickelte Faeden ergeben einen Steg, vier Stege ergeben ein Kreuz, in das du eine Spinne (gewebte Mittelfigur) setzt.
Pikots sind kleine Schlingen, die an den Stegen sitzen und an Spitze erinnern. Sie kommen mit einer Schlaufe um die Nadel zustande. Beim ersten Versuch wird das frickelig. Beim zehnten Pikot gehoert es zum Stickfluss.
Wer mehr Tipps zu zaehlbarem Sticken sucht, findet auf KreativMachen weitere Anleitungen zu Kreuzstich und Holbein-Stich.
Erste Projekte zum Einstieg
Starte klein. Ein Lesezeichen mit einem einzelnen Durchbruchquadrat ist in vier bis fuenf Stunden fertig und liefert sofort Erfolgserlebnisse. Danach folgt eine Untersetzer-Serie, dann ein Mitteldeckchen. Erst nach drei bis vier Stuecken lohnt ein groesseres Tischlaeufer-Projekt mit 60 mal 40 Zentimeter Stickflaeche.
Realistische Zeitbudgets: ein Lesezeichen 4 bis 6 Stunden, ein Untersetzer 8 bis 12 Stunden, ein kleines Tischset 25 bis 40 Stunden. Pinterest-Bilder mit komplexen Mustern entstanden meist ueber Wochen, nicht ueber ein Wochenende.
Haeufige Probleme und ihre Loesungen
Bei den ersten Hardanger-Stuecken treten typische Stolperer auf, die fast jeder Anfaengerin passieren. Hier die haeufigsten und was hilft.
Problem 1: Faden franst beim Sticken. Perlgarn wird mit der Zeit am Nadeloehr weich, weil Reibung Fasern aufloesen. Loesung: Garn nicht laenger als 45 Zentimeter zuschneiden, Nadel oefter ein Stueck weiter durchziehen. Wer dazu noch ein Stueck Bienenwachs nutzt, glaettet das Garn sogar zusaetzlich.
Problem 2: Stoff verzieht sich nach mehreren Stunden. Hardanger braucht gleichmaessige Spannung. Wenn der Stickrahmen zu klein ist, ueberschneiden sich die Bereiche und die Stiche werden ungleichmaessig. Loesung: Rahmen mit 20 Zentimeter Durchmesser, alle zwei Stunden umsetzen, dazwischen den Stoff einmal lockern und wieder spannen.
Problem 3: Schnittkante franst trotz richtiger Blocks. Das passiert, wenn der Stoff zu billig ist. Webdichten unter 8 Faeden pro Zentimeter haben zu duenne Faeden. Loesung: Markenstoff von Zweigart oder Permin nehmen. Der Aufpreis von 4 Euro pro halbem Meter rentiert sich.
Problem 4: Pikots sehen ungleichmaessig aus. Die Schlaufengroesse wird durch die Nadeldicke bestimmt. Loesung: Eine zweite Nadel als Schlaufen-Halter nutzen, sodass jede Schlaufe genau gleich gross ausfaellt.
Was sich in der Praxis bewaehrt
Drei Erfahrungswerte fuer den Start. Erstens: 28er Stoff statt 22er, weil die Bloecke groesser werden und das Schneiden weniger Augenarbeit kostet. Zweitens: Premax-Schere mit gebogenem Blatt fuer rund 22 Euro lohnt sich, jede billigere zerschneidet entweder den Stoff oder die Geduld. Drittens: Stickrahmen mit Schraubverschluss, weil der Stoff beim Stegen-Wickeln straff bleiben muss.
Das Muster wird nicht perfekt. Das soll es auch nicht. Hardanger lebt vom kleinen Versatz, der zeigt, dass eine Hand gearbeitet hat und keine Maschine.
Veröffentlicht durch die KreativMachen-Redaktion. Veröffentlicht am 25. Mai 2026.
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